Auf den Spuren der Bootsbau-Legenden
KIEL. Sie ist bereits über 100 Jahre alt, doch an Faszination – selbst für die Jugend – hat die Sechser-Klasse nichts verloren. Bei der Rolex Baltic Week präsentierten sich im Wettstreit um den Robbe & Berking mR Sterling Cup daher nicht nur altgediente Sechser-Haudegen, sondern auch junge Skiff-Segler. Und sie lieferten sich enge, engagierte Rennen, deren kritische Situationen auch nach dem Landgang noch intensiv weiter diskutiert werden. Sechser-Segeln ist eben nicht nur etwas für Nostalgiker, sondern auch für hochambitionierte Regatta-Füchse.
Für Andreas Krause ist die Rolex Baltic Week so etwas wie eine Ausstellung des Schaffenswerkes seiner Ahnen. Der Kieler ist der Enkel von Henry Rasmussen, dem legendären Bootsbauer, der vor nunmehr 103 Jahren gemeinsam mit Georg Abeking die A & R-Werft gründete. Schiffsdesigns aus der Feder von Rasmussen und Bauten aus der Lemwerder Bootshalle wurden schnell zum Inbegriff für schöne, schnelle Designs von höchster Qualität. A & R wird daher stets in einem Atemzug genannt mit anderen Bootsbau-Legenden wie Johan Anker und William Fife. Dieses Ansehen weiter in Ehren zu halten, ist für Andreas Krause ein inneres Bedürfnis.
Der 46-Jährige führt in Kiel die Werft Krause & Wucherpfennig, die sich auf die Restaurierung historischer Yachten, insbesondere der mR-Klassen, spezialisiert hat. „Und wenn eine A & R-Yacht auf den Markt kommt, dann bemühe ich mich natürlich darum, dass sie weiter in Fahrt bleibt, schaue ob es einen Interessenten gibt, der die Yacht übernehmen möchte“, berichtet Krause. Oder er übernimmt die Yacht eben selbst. So wie den Sechser „Sleipnir II“, den er vor drei Jahren ersteigerte. Ein dreiviertel Jahr Arbeit investierte er in das 11,40 Meter lange Schiff, das kaum mehr als Sechser erkennbar war. Neu beplankt, mit versetztem Mast und optimierten Segeln brachte er es zurück auf die Regattabahn und bewies 2009 zur WM in Newport, Rhode Island/USA mit einigen Tagessiegen das große Potenzial, das in dem Design seines Großvaters steckt.
„Sleipnir II“-Taktiker Albert Schweitzer war jedenfalls restlos begeistert: „Die Faszination Sechser kommt immer wieder. Viele Weltklasse-Athleten wie Dennis Conner, Pelle Petterson und Peter Norlin haben sich von diesem Fieber schon anstecken lassen“, erzählt Schweitzer, der selbst ehemals auf einem Sechser seglerisch groß geworden ist und 1975 bei der WM in Sandhamn/Schweden mit 18 Jahren der jüngste Steuermann bei den Titelkämpfen war. „Der Reiz des Schiffes sind die hohen taktischen und technischen Anforderungen an die Mannschaft. Die Schiffe sind schmal, lang und verdammt schnell. Man muss sehr feinfühlig steuern, steht gleichzeitig tief im Boot und muss viel gucken, um die Übersicht zu behalten“, sagt Schweitzer. Zudem schieben die Schiffe schnell Lage, sind durch den hohen Ballastanteil im Kiel aber sehr endstabil. Daher habe sich nach der Entwicklung der Klasse schnell eine intensive Regatta-Aktivität entwickelt. „Und die Yachten sind im bereits Matchrace gegeneinander gesegelt, als diese Disziplin noch gar nicht bekannt war. Vor 70, 80 Jahren wurden sie auf den Werften gebaut wie warme Semmel“, so der Bremer Segelmacher.
Vor Kiel, wo die „Sleipnir II“ am vorletzten Wettfahrttag vorzeitig den Robbe & Berking 6mR Sterling Cup gewann, lieferten sich Krause, Schweitzer und Co. zeitweise ein Matchrace mit der von Zake Westin designten und 1938 in Finnland gebauten „Lillevi“. Nichts Geringeres, als „sein schönstes Schiff“ zu bauen, war ehemals der Auftrag an Westin. Er selbst erlebte sein Meisterstück indes nicht mehr auf dem Wasser, starb kurz vor dem Stapellauf. Bei der Rolex Baltic Week durften die Zuschauer in Kiel aber den ganzen Charme dieses perfekt restaurierten Mahagoni-Sechsers erleben, der bei seiner Heimat-Werft Robbe & Berking Classics in Flensburg pikobello gepflegt wird. Und die junge Crew des Flensburger Segelclubs um den im 29er-Skiff groß gewordenen Anton Berking erlebt die ganze Dynamik dieser Schiffe.
„Es ist toll, die jungen Leute in dem Boot zu sehen“, freut sich Eigner und Vater Oliver Berking, der seine jahreslangen, guten Kontakte zu den Meter-Klassen in die Rolex Baltic Week eingebracht hat, die mit 23 Klassikern eine hervorragende Teilnehmerzahl erlebte. „Dass sie es dann auch noch den erfahrenen Crews bisweilen gezeigt haben, ist umso faszinierender. Der leichte Wind liegt ihnen, bei etwas mehr haben sie dann aber noch einigen Respekt.“ Sechser entfalten eben auch heute noch, trotz ihrer ein Jahrhundert andauernden Tradition, eine Kraft und Ästhetik, die es selbst mit modernen Booten aufnehmen kann.
HINWEIS für die Redaktionen: Gegen 15.30 Uhr erhalten sie heute eine Zusammenfassung vom Abschluss der Rolex Baltic Week 2010.
Rolex Baltic Week 2010
6mR- und 12mR-Yachten
EuroCup
8mR-Yachten
30. Juni - 4. Juli 2010
Kieler Förde, Kiel
Kieler Yacht-Club



